Der eigene Gott: Von der Friedensfähigkeit und dem Gewaltpotential der Religionen


 
"Auf Gott verzichten, heißt auf den Menschen verzichten."(Lou von Salomé)
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(TOP 500 REZENSENT)    Rezension bezieht sich auf: Der eigene Gott: Von der Friedensfähigkeit und dem Gewaltpotential der Religionen (Gebundene Ausgabe) "Du musst nicht über die Meere reisen, du musst
nur deinem Gott bis zu dir selbst entgegengehen."
(Bernhard von Clairvaux, 1090-1153)

Ulrich Beck (1944-) ist Professor für Soziologie und Politik an den Universitäten München und London. Seine Sicht auf die Welt-Risikogesellschaft wie auf die Individualisierung in den Gesellschaften sind anerkannte Werke und ebenso lesenwert. Wie er die Moderne und die reflexive Moderne auch unter den Aspekten der Freiheit behandelt, lesen Sie in vielen seiner Werke. Den Grundthesen bleibt er treu, es ist die Soziologie, die den Menschen im Kontext der Gesellschaft und Gesellschaft unter dem Aspekt der kosmologischen Veränderung betrachtet. Globalisierung und demographischer Wandel sind nun nur zwei genannte Aspekte, die aus soziologischer Sicht betrachtet, Religion in ein neues Feld rücken. Beck verweist eindeutig darauf, dass die Soziologie kein Anrecht auf Religion und Theologie beansprucht, sondern dass die Wissenschaft sehr wohl die Religion als Teil des gesellschaftlichen Gemeinwesens zu betrachten hat. Religion zeigt sich damit zunächst als Subjekt in dem Sinne, dass in dem Begriff immanent ein Regelwerk festgelegt ist, welches die Zugehörigkeit definiert. Religiös sein dagegen meint nichts anderes, als ein Gefühl von tendenzieller Zugehörigkeit zu einer unbestimmten Gruppe. Damit werden zwei Punkte klar, die den okzidentalen Bestimmungshorizont erreichen: Monotheismus in der mosaischen Ausprägung definiert ein Entweder-oder als Religion und damit eine bestimmte Zugehörigkeit unter dem Merkmal: Glauben. Der Vernunftgedanke spätestens seit Aristoteles sagt, dass es keinen Widerspruch geben darf, A und nicht-A können niemals gemeinsam sein. Tertium non datur. In dieser Klarheit muss nun die Frage der zukünftigen Gesellschaft gestellt werden, die nicht nur Religion als ortsgebundene Art des Spiritualismus kennt. Vielmehr wird Kosmologie, Globalisierung und Migration den soziokulturellen Anteil mit dem Geburtsland vermischen. Es wird nicht mehr den arabischen Muslimen allein geben, sondern eben auch den deutschen Muslimen wie den deutschen Juden etc. Dieses gilt weltweit, wie die USA als Schmelztiegel aller Völker und deren Ansichten bereits erlernen mussten.

Mit der Aufklärung hat sich die Vernunft, das Denken an sich über den Glauben gestellt. Über 200 Jahre haben die Religion in eine neue Fassung bringen können, die eben in der Trennung von Wissenschaft und Religion eine Emanzipation durchmachte und sich als ihr Vorteil nun auf die ursprünglichen Werte und Ziele zu konzentrieren hat und dieses auch kann. Diese Gruppe lebt von den Mitgliedern und den Sinn-Suchenden. Das ursprüngliche Dilemma der Kirche, Antworten auf Fragen der Wissenschaft wie der Spiritualität haben zu müssen, ist zumindest für die Ungläubigen und Atheisten auf den Staat übergegangen. Der Staat ist nun in der Aufgabe, beides tun zu müssen und wird mit allen Unwägbarkeiten rechnen müssen.

Gerechnet hat man möglicherweise nicht mit einem Wiedererstarken der Religionen und doch liegt es in der Logik selbst. Findet man eben die Antworten nicht, wird die Botschaft des Mehrs an Angeboten im Spirituellen, im Religiösen gesucht und mittlerweile gefunden. Kirche und Religion waren von Anfang an global, es ist ihnen in die Wiege gelegt wonach die Gesellschaften kosmologisch Ausschau halten. Gleichzeitig wird deutlich, dass die zunehmend verbesserte Kommunikationsstruktur und mediale Präsenz egal aus welchem Land zu welcher Zeit Empathien ermöglicht, Tsunamis begleiten lässt oder gar den herannahenden Tod als letzte Frohe Botschaft eines Papstes, endlich bei Gott sein zu dürfen. Diese Vielfalt emotionaler Betroffenheit erzeugt ein Gefühl von Religion, mehr jedoch von Religiosität. Damit wird das alte mosaische Entweder-oder des Monotheismus in ein Sowohl-als-auch transfiguriert und die Formel des Dichters Rimbaud "Ich ist ein anderer" gewinnt neue Bedeutung. Wie asiatisches Denken und Fühlen niemals dem aristotelischen Geist zustimmten konnte, sondern immer noch mehr hinter den Dingen sah, ist nun auch der Mensch in der Vielheit von Angeboten aus der Einheit des Glaubens heraus und wird sich seinem eigenen Gott zuwenden. Die soziologische Individualisierung in globalen Gesellschaften wird auf die Kristallisierung eines eigenen Gottes hinauslaufen und dort die spirituellen Bedürfnissen voll befriedigt finden.

Beck sieht jedoch auch, dass in der historischen Gegebenheit die Deutlichkeit jeder Religion eine Rolle spielen wird. Der Zorn auf den Zornbanken Sloterdijks ist permanent vorhanden ( Sloterdijk; Zorn und Zeit, 2006 ) und damit abrufbar. Wenn also Wahrheit in jeder Religion ihre Bestimmung finden muss, kann nur eine darüber liegende Instanz für Wahrheit und Religionsbestand sorgen: Frieden. Beck ruft auf in dieser sich veränderten Zeit nicht auf Religion zu verzichten, sondern in Anerkenntnis eines religiösen Eifers ( Sloterdijk; Gottes Eifer, 2007 ) welcher Art auch immer, friedensbereit und friedensfähig zu werden, wenn nicht gar zu bleiben. Die Friedensfähigkeit jeder Religion muss über die Gewaltbereitschaft jeder Religion gestellt werden. Das kann nur die jeweilige Religion selbst.

Dieses Credo vielleicht als Ergebnis einer sehr interessanten Diskussion über Religion, Religiosität, Individuum und Gesellschaft in den Facetten von Glauben und Fundamentalismus. Die reflexive Moderne findet Mittel und Wege, individual polytheistische Züge zuzulassen. So wie die Welt sich eine Zukunft aus dem Gedanken des Klimas vorstellt, so vielleicht auch eine aus dem Gedanken des Friedens. "Zum ewigen Frieden" schrieb Kant 1795 aus dem Geiste der Vernunft. Bis heute gibt es kein Werk mit dieser Botschaft. Ob man es Beck zuschreiben wird? Aus dem Geiste des "eigenen Gottes? "

Eines steht fest, die Tage sind nicht gezählt, Feuerbach, Marx, Nietzsche, Weber und Freud haben einen wertvollen Beitrag geleistet zum Zauber der Welt. Die Diskussion um das, was außerhalb der Gesellschaft, des Ichs liegt, wird auch in Zukunft Bestand haben. Rorty / Vattimo haben ihren Dialog über Die Zukunft der Religion, 2006 geführt. Ein lesenswertes Essay. Becks Vision der Vermischung von global kosmologischen Möglichkeiten ähnelt dem Gedanken Rortys, wenn dieser von einer Kultur ohne Zentrum, 1993 spricht. Dass der Mensch das metaphysische Denken aufgäbe zu Gunsten einer reinen Vernunft, scheint dennoch so sicher, als wenn er das Atmen aufgäbe, weil ihm die Luft zu unrein erscheine
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Eine Rezension von Ein Kunde
vom 25. Juli 2008
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