Der eigene Gott: Von der Friedensfähigkeit und dem Gewaltpotential der Religionen


 
"Inwieweit Wahrheit durch Frieden ersetzt werden kann, entscheidet über die Fortexistenz der Menschheit" (209).
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(TOP 100 REZENSENT)    (REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Der eigene Gott: Von der Friedensfähigkeit und dem Gewaltpotential der Religionen (Gebundene Ausgabe) Marx, Feuerbach, Nietzsche, Freud und Max Weber waren sich einig: Die Tage der Religion, des naiven Glaubens an einen allmächtigen Schöpfer, der mit einer Geringschätzung des Diesseits zu Gunsten des Jenseits einhergeht, sind gezählt. Vor knapp 100 Jahren veröffentlichte Max Weber seine Säkularisierungstheorie, gemäß welcher der unaufhaltsame Prozess der Modernisierung unweigerlich zum Ende der Religion, zu einer "Entzauberung der Welt", führen würde. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts müssen wir feststellen, dass das Konzept des Religiösen aktueller, wirkungsreicher, sendungsbewusster und auch gefährlicher denn je ist. Es gibt heutzutage kaum einen Konflikt, der nicht auch mit einer religiösen Komponente versehen ist. In seiner Darstellung "Der eigene Gott" analysiert Ulrich Beck, warum der fortschreitende Modernisierungsprozess nicht zwangsläufig in einer religionsfreien Gesellschaft münden muss und was heute zu geschehen hat, um das Gefahrenpotential der Religionen einzudämmen.

Hier zunächst einmal die von Beck in seinem Buch vertretene Kernthese: "Der eigene Gott, so meine These, ist nicht mehr der alleinige Gott, der das Heil diktiert, indem er die Geschichte an sich reißt und zu Intoleranz und Gewalt ermächtigt. Mit dem religiösen Melange-Prinzip kommt das humane Prinzip eines subjektiven Polytheismus zur Geltung, der mit dem Polytheismus der Antike nicht zu verwechseln ist [...]. Denn derart individualisierte Formen einer religionsgrenzenüberschreitenden Mischreligiosität gewinnen nicht zuletzt als Widerstand gegen das institutionelle Beharren auf Absolutheit an Anhängerschaft" (86). Säkularisierung, so Beck, führt eben gerade nicht zum Untergang von Glauben und Religion, sondern zur "Herausbildung und massiver Verbreitung einer Religiosität, die zunehmend auf Individualisierung verweist" (46).Was abnimmt, ist der an eine Institution gebundene Glaube, der für sich selbst einen Anspruch auf Absolutheit erhebt. Was zunimmt, ist eine Religiosität, die sich aus einem Menschen selbst herausbildet und an keine institutionellen Dogmen gebunden ist. Um diesen entscheidenden Punkt zu verdeutlichen, unterscheidet Beck zwischen dem Substantiv "Religion", welches sich durch ein absolutes "Entweder-Oder" definiert, sowie zwischen dem Adjektiv "religiös", das sich durch ein das jeweils andere Anerkennende "Sowohl-als-Auch" auszeichnet. Der eigene Gott gehört zur Domäne des Religiösen, des "Sowohl-als-Auch" (vgl. S. 70f.). An anderer Stelle formuliert Beck prägnant: "Religiös sein, ist nicht mehr ohne weiteres an das Entweder-Oder der Religion, an die Autorität der Kirche gebunden; es definiert vielmehr die Einstellung des Individuums zu Gott" (137).

Im abschließenden Kapitel "Frieden statt Wahrheit" untersucht Beck, was geschehen muss, um im 21. Jahrhundert friedliche Koexistenz auf unserem Planeten zu ermöglichen. Das Haupthindernis hierfür, so Beck, liegt im Beharren von verschiedenen Gruppen darauf, im alleinigen Besitz einer wie auch immer gearteten Wahrheit zu sein. Drastische formuliert Beck: "Inwieweit Wahrheit durch Frieden ersetzt werden kann, entscheidet über die Fortexistenz der Menschheit" (209). Die gefährlichsten Gruppierungen seien Fundamentalisten jedweder Gesinnung, die Frieden immer zu Gunsten ihrer Interpretation der Wahrheit bereit sind, zu opfern.

Fazit: Beck vertritt hier einen höchst interessanten Ansatz, den er verständlich und auf hohem Niveau begründet. "Der eigene Gott" ist ein wichtiger Beitrag in der derzeitigen Diskussion um Terror, Fundamentalismus und die Rolle der Religionen im Zeitalter von Massenvernichtungswaffen. Allen an der Thematik Interessierten sei an dieser Stelle Peter Sloterdijks Darstellung Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen empfohlen, die ebenfalls im Verlag der Weltreligionen erschienen ist.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 15. Juni 2008
Kundenrezensionen:
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